Akzeptierend und Offen
a+o

wir alle kennen die Geschichte des Zachäus aus dem Lukasevangelium (Lk 19,1-6). Wie so viele andere Menschen auch, wollte Zachäus, der unbeliebte und als Sünder gemiededne oberste Zollpächter von Jericho, Jesus sehen, als dieser durch die Stadt zog. Aufgrund der Menschenmenge, die ihm - vielleicht nicht ganz unabsichtlich!?! - den Blick auf Jesus verstellt, klettert Zachäus kurzerhand auf einen dort stehenden Maulbeerfeigenbaum.
Diese Geschichte berührt mich immer wieder tief und fordert mich als Priester und Pfarrer auch pastoral heraus. Auch heute gibt es Personen, die, wie Zachäus, aus gesellschaftlicher und kirchlicher Perspektive am Rand stehen. Menschen, die sich aufgrund ihrer Herkunft, ihres Aussehens, ihres gesellschaftlichen Status, ihres kulturellen und sprachlichen Andersseins, ihrer (mangelnden) psychischen oder physischen Gesundheit, einer körperlichen Beeinträchtigung, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Lebensführung und -umstände, etc. nicht angenommen und willkommen geheißen fühlen.
Im Pastoralkonzept unserer Pfarre wurden sieben Leitsätze formuliert. Der dritte Leitsatz lautet: „Wir sind eine offene und einladende Gemeinde, aufmerksam für die Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen.“ Als ich Euer Pfarrer wurde, haben wir dann unsere pastorale und gemeindliche Arbeit unter folgendes Motto gestellt: „Unsere Pfarre – Heimat für ALLE!“
Vor Jahren schon wurde eine Rampe gebaut, die den Zugang zu unserer Kirche für Menschen mit Kinderwägen, Rollatoren oder im Rollstuhl erleichtert und damit eine physische Barriere beseitigt. Aber es gibt auch andere Barrieren, die es zu überwinden gilt. Mir fallen da beispielsweise die nicht wenigen Katholikinnen und Katholiken ein, deren erste Ehe gescheitert ist und die in einer zweiten zivilen Ehe ihr Glück gefunden haben. Offiziell waren diese Personen lange vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen. Nicht wenige sind deshalb aus der Kirche ausgetreten. Schon seit vielen Jahren gibt es aber in unserer Erzdiözese die sogenannten „Fünf Aufmerksamkeiten“. Sie stellen eine Möglichkeit dar die Situation aus pastoraler Sicht zu beleuchten und einen Weg zur Versöhnung und Integration zu finden, an deren Ende auch die Zulassung zum Empfang der Sakramente stehen kann. Papst Franziskus hat diese Möglichkeit dann in seinem Apostolischen Schreiben Amoris Laetitia bestätigt.
Auf eine andere Gruppe katholischer Geschwister, für die es oft sehr hohe Barrieren gibt, haben bereits vor einigen Jahren schon die Pfarrjugend und junge Erwachsene unserer Pfarre aufmerksam gemacht: es sind lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle (LSBTIQ*) Katholiken.
Die allermeisten LSBTIQ* Katholikinnen und Katholiken fühlen sich von ihrer Kirche ausgegrenzt und abgelehnt. Viele erwarten sich nichts mehr von uns und haben sich abgewandt. Die aktuell geltende katholische Lehre verurteilt homosexuelle Handlungen, weil Geschlechtlichkeit für die Kirche nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ihren Ort hat und immer für die Zeugung offen sein soll. Gleichzeitig aber fordert sie, homosexuellen Menschen mit „Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen“ und sie nicht „in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen“ (KKK, 2358). Aufgrund neuer Erkenntnisse der Humanwissenschaften und der Bibelexegese fordern viele Moraltheologen eine Anpassung der kirchlichen Lehre. Papst Leo XIV. hat unlängst zwar gesagt, dass die Kirche ihre Lehre dazu in absehbarer Zeit nicht ändern wird.
Er sagte aber auch, dass sich zuvor die Haltung der Kirche gegenüber LSBTIQ* Katholikinnen und Katholiken ändern müsse. Außerdem empfing der Papst am 1. September 2025 P. James Martin SJ, den Gründer von Outreach (einer Organisation für LSBTIQ* Katholiken) in Privataudienz.
Der Papst ermutigte P. Martin SJ ausdrücklich und segnete sein Apostolat.
Dieser neuen pastoralen Haltung der Kirche gegenüber LSBTIQ* Katholikinnen und Katholiken wollte auch unser Pfarrgemeinderat Rechnung tragen. In der Sitzung am 2. Dezember 2025 haben wir deshalb beschlossen, um das Prädikat „a+o“ (akzeptierend und offen) der von den Bischöfen anerkannten Pastoral für LSBTIQ* Katholikinnen und Katholiken anzusuchen. Dies erfolgte auch nach Rücksprache mit unserem Erzbischof Josef Grünwidl. Damit möchte der PGR den Betroffenen, ihren Angehörigen und Freunden signalisieren, dass sie bei uns genauso willkommen sind wie alle anderen auch.
Diese pastorale Entscheidung des Pfarrgemeinderates bedeutet natürlich nicht, dass wir anderen Personen gegenüber nicht akzeptierend und offen sind. Im Gegenteil! Auch leugnen wir damit nicht die Lehre der Kirche. Es geht uns vielmehr um eine pastorale Geste, die allen, die Jesus und seine Gemeinde suchen, einen barrierefreien Zugang signalisieren soll. Es geht also nicht um Ideologie und es werden auch keine Regenbogenfahnen aufgehängt, sondern - hoffentlich! - Barrieren abgebaut!
Jetzt könnte jemand fragen, warum ausgerechnet ein Prädikat für LSBTIQ* Katholikinnen und Katholiken? Warum nicht auch für wiederverheiratete Geschiedene, Ausgetretene oder Menschen, die aus einem anderen Grund Ausgrenzung erfahren? Das ist richtig. Aber Jesus hat damals in Jericho auch „nur“ den Zachäus vom Baum heruntergerufen und ist bei ihm eingekehrt. Bei anderen Gelegenheiten hat er sich anderen ausgegrenzten Menschen (Zöllner, „Heiden“, die Samariterin, Aussätzige, etc.) zugewandt.
Jesus selbst wollte und will, dass ALLE zu IHM kommen können, ohne Barrieren, ohne Ausgrenzung und Zurückweisung. Die Evangelien sind voll von entsprechenden Geschichten. Manche jedoch brauchen ein besonderes Signal dafür, dass die Kirche und unsere Pfarre sie genauso willkommen heißt, wie alle anderen auch. Nicht jeder hat die Kraft auf einen Baum zu steigen wie Zachäus. Aufgrund jahrhundertelanger Verfolgung, verbaler, psychischer und physischer Gewalterfahrungen, von Kriminalisierung und Ausgrenzung, nicht zuletzt auch durch kirchliche Interventionen und mit der ausdrücklichen Gutheißung durch Vertreter der Kirche, muss die Kirche einen Schritt auf diese Menschen zugehen.
Eine christliche Gemeinde sollte sich immer an Jesus orientieren und daher ebenfalls allen Menschen mit Offenheit, Respekt und Akzeptanz begegnen. Nichts anderes wollte der Pfarrgemeinderat mit dieser pastoralen Entscheidung bezwecken.
Euer Pfarrer Stefan Reuffurth
